FESTIVAL

Fokus auf eine Region

Das Musikfestival tiefschoen findet 2021 zum vierten Mal statt. Das Programm auf Schloss Wartin in der Uckermark ist wieder ganz von Neugierde geprägt. Tatsächlich ist mitdem WARTINER STÜCKEMARKT Neues ganz besonders präsent. Unsere Neugierde richtet sich aber ebenso auf die Zusammenhänge und die oft historischen Hintergründe, aus denen heraus Komponisten Neues entstehen lassen. So richtet tiefschoen 4 den Blick auf die LEVANTE. Einigen Aspekten dieses Kulturraums am östlichen Mittelmeer und seiner kaum je ruhigen Geschichte ist unsere Wanderung durch Klänge von der Renaissance bis zur Gegenwart gewidmet. Und wie immer werden Freunde von Grooves beim Abschlusskonzert auf ihre unterhaltsamen Kosten kommen.

tiefschoen bietet mit seinem Programm einen Begegnungsraum für Zuhörer, die Konzerte „mit ihrer Musik“ sonst eher getrennt erleben. Das gemeinsame Anhören von Musik, das ganz besonders Kommunikative dieser Veranstaltungsart mit seiner besonderen Atmosphäre soll hier wieder möglich werden. Eine Gedichtzeile von Alfred Mombert, die Alban Berg vor gut 100 Jahren meisterlich vertonte, gab das Motto für die Veranstaltungen: „…das macht die Welt so tiefschön.“

tiefschoen 3 wendet sich bedingt durch seine Lage an Hörer aus Deutschland und Polen gleichermaßen. Das Festival lässt Wartin so zu einem Ort über Grenzen hinaus wirkender Kulturidentität werden.

ORT

Schloss Wartin

Das verträumt gelegene Schloss Wartin ist seit seiner behutsamen Restaurierung zu einer internationalen Begegnungsstätte in der Uckermark avanciert. Es befindet sich im unmittelbaren Hinterland der die Region jahrhundertelang prägenden Großstadt Stettin und ist von dort aus in weniger als einer halben Stunde zu erreichen. Wartin ist damit im Zentrum einer Region, die auf deutscher Seite mit den Städten Pasewalk, Prenzlau und Schwedt, auf polnischer Seite mit Stargard umrissen werden kann. So bildet das Schloss-Ensemble mit mehreren Spielstätten einen gut erreichbaren Ort in dieser vielfältigen Umgebung. Das Herrenhaus bietet neben einem Saal ein bühnenhaftes Treppenhaus mit Bibliothek. Umgeben von einer weiträumigen Gartenanlage mit vielfältigen Spielorten wie einem Belvedere und einem Laotischem Tempel wird das Ensemble von einer Kirche abgerundet.

Foto: Lex Hongkham

Levante

Dort, wo sich von Italien aus gesehen die Sonne erhebt, also in den Ländern, die im Osten an das Mittelmeer grenzen, befindet sich die Levante. Ihr Bereich wird mal größer, mal kleiner verstanden. Bezeichnete er lange Zeit alles, was östlich Italiens liegt, schließt also schon Griechenland mit seinen Inseln ein, ist er im Laufe der Zeit immer mehr auf die Küste südlich der Türkei bis nach Ägypten eingeschränkt verwendet worden. So schließt der Begriff heute die Länder Syrien, Libanon, Israel und die palästinensischen Autonomiegebiete ein. 

In der Antike eine zeitlang fester Bestandteil des Römischen Reiches, von dem aus zahllose kulturelle Impulse in seinen  Westen gingen, entstand spätestens mit der Konkurrenz drei großer Religionen bereits vor 1300 Jahren ein Konfliktfeld, das bis heute nicht zur Ruhe gekommen ist.

Sowohl die Auseinandersetzungen wie die gelegentlichen Perioden ruhigen Lebens fanden in Literatur und Musik vielfachen künstlerischen Widerhall.

Das Programm von tiefschoen 4 geht mit der Vertonung eines Textes von Lukian zurück bis in die Antike. Der aus der Levante stammende Dichter schrieb auf Griechisch und galt als einer bedeutendsten Satiriker seiner Zeit, hielt sich in Griechenland, Rom, Gallien und dem ägyptischen Alexandria auf, wo er vermutlich starb. Damit ist auch der Raum umrissen, aus dem die einzelnen Werke der Konzerte stammen. Denn immer gab es durch das Mittelmeer ermöglicht eine umfangreiche Reisetätigkeit kultureller Protagonisten. Und immer wurden die Geschehnisse austauschend künstlerisch verarbeitet.

Der italienische Renaissance-Dichter Torquato Tasso etwa schuf mit seinem Gerusalemme liberata ein Epos, das die Geschehnisse des Ersten Kreuzzugs mit vielen Einzelheiten schildert. Mit der Figur der Zauberin Armida und der herzzerreißenden Liebesgeschichte von Tancredi e Clorinda reicherte er die Fakten so an, dass er Komponisten von Monteverdi bis Händel reichen Stoff für zahlreiche musikalische Szenen und ganze Musiktheaterwerke bot. Aber bereits vor Entstehung der Oper wurden einzelne Abschnitte aus Tassos Werk vertont. Vergleichen Sie Kompositionen zu identischen Texten in Madrigalen der Renaissance-Meister Luca Marenzio und Giaches de Wert.

Die musikalische Gegenwart der Region ist zu erleben mit der Uraufführung der elektronischen Komposition UM von Zad Moultaka. Der libanesische Komponist vertrat sein Land vor vier Jahren auf der Biennale in Venedig. Kammermusik von Samir Tamimi und Gideon Lewensohn bietet neue palästinensische und israelische Klangpositionen. Ihnen wird mit Kompositionen von Fausto Sebastiani und Marc Andre Gegenwärtiges aus Europa gegenübergestellt, das sich mit nahöstlicher Thematik befasst.

Drei Videos bieten spannende Dokumentationen zu Hintergründen musikalischer Entwicklungen der Gegenwart, die im klingenden Programm unmittelbar zu erleben sind.

PROGRAMM

Freitag, 3. September

3. September, Schloss Wartin, Gartensaal

17.00
Akustisches Amuse-Gueule

Klaus Huber: Die Welt dreht sich auf den Hörnern des Stiers
(Aufnahme der letzten vollständigen Aufführung vom 2. Dezember 2011 bei den Hamburger Klangwerktagen)
Al-Kindi – Ensemble Aleppo und work in progress – Berlin, Leitung Julien Edine Weiss und Gerhardt Müller-Goldboom

18.00
Festivaleröffnung
 
GESANG aus RENAISSANCE und GEGENWART

Giaches de Wert und Luca Marenzio: Vertonungen aus Torquato Tassos „Gerusalemme liberata“:
     Giunto alla tomba
     Vezzosi augelli
     Forsenata gridava
     Qual musico gentil
Giovanni da Firenze: Io son un pellegrin
Katia Guedes: Pein
Lucia Ronchetti: Le nuove musiche di Giulio Caccini
Aribert Reimann: Parerga zu „Melusine“
Sidney Corbett: Gebet
Gerhardt Müller-Goldboom: ΘΕΩΝ ΚΡΙΣΙΣ ΛΟΥΚΙΑΝΟΥ

Katia Guedes, Sopran
VOCAL CONSORT Berlin
Gerhardt Müller-Goldboom, Dirigent

Samstag, 4. September

14.00 – 16.00 und 17.30 – 19.00, Schloss Wartin, Kaminzimmer

FILME

Bettina Ehrhardt: Intolleranza (Luigi Nono)
Wiebke Pöpel: My Way (Helmut Lachenmann) 
Benjamin Geissler: Bilder finden (Gideon Lewensohn)

16.00 – 18.00, Schloss Wartin, Teich am Laotischen Pavillon

IM FREIEN

Zad Moultaka (Beirut/Paris): UM (Uraufführung der elektronischen Garten-Klanginstallation)
Thilo Krigar: Pan
Toshio Hosokawa: Threnodie
Petra Stump: Windgeschenke (UA)
Peter Michel, Oboe
Katrin Plümer, Flöte
Chang Yun Yoo, Viola

19.00, Schloss Wartin, Gartensaal

WARTINER STÜCKEMARKT

Uraufführungen der ausgewählten Kompositionen der internationalen Ausschreibung
Ensemble work in progress – Berlin
Gerhardt Müller-Goldboom, Dirigent

Chang-Yun Yoo am Teich neben dem Laotischen Tempel von Schloss Wartin
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work in progress – Berlin © Oliver Potratz

Sonntag, 5. September

11.30, Schwedt, Berlischky-Pavillon

MATINÉE-KONZERT: SPUREN 

 

Fausto Sebastiani: Bilaumri (Deutsche Erstaufführung)
Samir Tamimi: Lámed III
Marc Andre: iv 2
Gideon Lewensohn: Quartett für Bruno Schulz

Musiker des Ensembles work in progress – Berlin und Gäste

16.00, Schloss Wartin, Kulturscheune

AUSKLANG

Final Session: Levante
Damir Bacikin (trp) and friends

Damir Bacikin © Privates Archiv

Kurator des Festivals: Gerhardt Müller-Goldboom 

TICKETS

Der Ticketverkauf beginnt demnächst hier.

FÖRDERER